, 5. August 2012 6 Kommentare
Christian Hirsig, 32, ist Gründer und Geschäftsführer der Atizo AG. Seine Firma betreibt eine Online-Plattform und bietet Firmenkunden Zugang zu ihrer stetig wachsenden Internet-Community. Diese besteht aus über 15’000 kreativen Denkern, die ihr Wissen zur Verfügung stellen. Die Atizo Software kann auch in einer Closed User Group mit den eigenen Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten eingesetzt werden. Zudem ist Christian Hirsig Dozent für Social Media und Crowdsourcing und Mitinitiant des TEDx –Event Bern, welcher am 5.9.2012 zum ersten Mal stattfindet. Seine Leidenschaft ist: „Wisdom of Crowds“.

 

Eine Frage brennt mir schon lange unter den Nägeln: Warum glauben wir, dass bei Brainstormings zu gleichen Themen, in gleichen Räumen, mit den immer gleichen Menschen – etwas ganz Neues entstehen kann? Irgendwie komisch, nicht? Trotzdem tun wir es immer und immer wieder. Inzwischen hat sich das Brainstorming mit ausgewählten Teamkollegen zu einem der wichtigsten Managementtools fürs Generieren von “frischen” Ideen gemausert. Zu Recht? Vermutlich nicht. Je länger ich mich mit dem Thema Ideen beschäftige, wächst in mir jedenfalls eine gegenteilige Überzeugung heran. Doch dazu später mehr.

Christian Hirsig, Atizo

Christian Hirsig, Atizo

 

Die Experten enttäuschen

Bei der Fussball-Europameisterschaft fragte ich mich öfters, warum die Experten im Studio beim Tippen der Ergebnisse merklich schlechter abschneiden als wir Zuschauer zu Hause. Da kauft sich der staatliche Sender mit unseren Steuergeldern Expertenwissen ein, um festzustellen, dass Gress, Sutter und Co. beim Tippen gnadenlos versagen. 

Als Kind aus der Fernsehgeneration ist für mich ein anderes Beispiel noch augenfälliger. Die Show “Wer wird Millionär?” kennt vermutlich jede und jeder. Als ich das erste Mal reinzappte, war für mich sofort klar: dieser Expertenjoker muss Gold bzw. Geld wert sein. Mit diesem Joker kann der Kandidat jemanden anrufen, der die Antwort kennt. Nach einigen Sendungen musste ich zu meiner Überraschung aber feststellen, dass der Publikumsjoker wesentlich bessere Ergebnisse lieferte. Bei “Wer wird Millionär?” kann inzwischen niemand mehr abstreiten, dass die Masse im Studio weiser als der Experte zu Hause ist.

Die Masse ist weise

2004 veröffentliche James Surowiecki genau zu diesem Thema ein Buch mit dem Titel “Wisdom of Crowds”. Im ersten Kapitel überraschte er mit einer Geschichte eines britischen Professors namens Francis Galton, der in Plymouth anfangs des letzten Jahrhunderts eine Gewerbeausstellung besuchte. Als eine der Hauptattraktionen der Ausstellung wurde von den Besuchern ein Bulle auf sein Gewicht geschätzt. Über tausend Teilnehmer versuchten das Gewicht des Bullen zu erraten. Und der Gewinner lag auch nur wenige Pfund neben dem wirklichen Gewicht.

Unser Professor verfolgte aber ein anderes Interesse. Er rang dem Veranstalter die Tippzettel aller Teilnehmer ab und nahm sie am nächsten Tag mit an sein Institut. Nach nur wenigen statistischen Experimenten wurde klar, dass der Durchschnitt aller Teilnehmer eines der besten Ergebnisse war. Eine überraschende Erkenntnis besonders für Galton, der mit diesem Experiment eigentlich die Dummheit der Masse beweisen wollte.

Im Buch von Surowiecki folgen viele weitere eindrückliche Beispiele. Ausserdem diskutiert er die Voraussetzungen, damit die Weisheit der Vielen funktionieren kann.
Folgende drei Voraussetzungen sind für mich besonders einleuchtend:

  1. Die Fragestellung muss klar sein. Hätte man nicht gewusst, ob der Bulle in Kilos oder in Pfund geschätzt werden soll, wären unbrauchbare Resultate entstanden.
  2. Die Gruppe muss in sich eine hohe Diversität aufweisen. Es dient also der Qualität des Ergebnisses, wenn ein Veterinärmediziner, ein Futterhersteller und ein Metzger ihre Meinungen abgeben.
  3. Die einzelnen Meinungen müssen optimal aggregiert werden. Das ist bei Schätzwerten ziemlich einfach. Man berechnet einen Durchschnitt oder bestimmt den Median. Kommt es aber zu qualitativer Information, wird es ungleich schwerer.

Zurück zum Brainstorming: Ich behaupte nicht, dass Brainstormings mit Teamkollegen grundsätzlich unnütz sind. Jedoch werden sie in den Teppichetagen inzwischen als Allheilmittel eingesetzt. Viele glauben, mit Brainstormings das eigene Kreativitätspotenzial besser zu erschliessen. Was sicherlich teils auch stimmt und je nach Ausgangslage nützlich sein kann.

Wer fragt, gewinnt

Doch müssen wir dies überhaupt? Müssen wir um jeden Preis, im Extremfall unter Einsatz von Halluzinogenen, den Olymp der Kreativität erklimmen? Können wir es uns nicht einfacher machen? Stellen wir doch die gleichen Fragen mal einfach anderen Menschen. Denn von einem bin ich inzwischen überzeugt: Das Finden von guten Ideen ist kein Kreativitäts-, sondern ein Allokationsproblem. Die guten Ideen sind schon da, wir müssen einfach die richtigen Leute fragen.

Und nur weil wir davon ausgehen, dass niemand seine Ideen mit uns teilen will, fragen wir nicht. Ich schlage vor, wir fragen in den nächsten Wochen all jene, die wir uns bisher nicht zu fragen getraut haben: Mitarbeiter aus anderen Abteilungen, unsere Kunden, unsere Lieferanten und viele andere. Denn nur wer fragt, erhält auch eine Antwort. Ich verspreche Ihnen, Sie werden überrascht sein, wie viele unerwartet und gleich wertvolle Antworten Sie erhalten. Viel Spass beim Andere-Fragen!

 

Weiterführende Links:

Atizo

TEDxBern

Kategorie: Allgemein