«Aussteigen – Umsteigen»: ein Buch, das Veränderungen ins Zentrum stellt

Mathias Morgenthaler ist als Journalist für den «Bund» in Bern tätig, seit 2002 als Wirtschaftsredaktor. Er hat in den letzten 16 Jahren über 800 Interviews zu Arbeits- und Laufbahnfragen geführt und in diversen Tageszeitungen veröffentlicht. Die Interviews mit Menschen, die ihrer Berufung nachgehen, regen jeweils viele Menschen zum Nachdenken an. Er ist Autor der Bücher «Beruf und Berufung» (2010) und «Aussteigen – Umsteigen» (2013) und Betreiber des Portals beruf-berufung.ch.

Früher war der Beruf etwas derart Unveränderliches, dass manche ihn noch auf dem Grabstein vermerkten. Heute haben wir alle Freiheiten, uns neu zu erfinden – manchmal werden wir auch dazu gezwungen. Das kann zu erstaunlichen Veränderungen führen:

  • Eine alleinerziehende Mutter jobbt als Kellnerin und Putzfrau in St. Moritz und arbeitet sich über die Jahre zur Luxusimmobilien-Maklerin hoch.
  • Ein Lehrer sucht das Weite, kommt todkrank von seiner ersten Reise nach Borneo zurück und wird später zum führenden Anbieter von Südseereisen.
  • Ein langjähriger Bank-Filialleiter kündigt seinen gut bezahlten Job und wagt ein Jahr später einen Neustart als Tee- und Gewürzhändler.

Solche Geschichten sind es, die meinen Arbeitsalltag so interessant und abwechslungsreich machen. Als Journalist habe ich das Privileg, meine Interviewpartner auszuwählen, ihnen persönliche Fragen zu stellen und daraus eine Geschichte zu machen, die viele andere Menschen erreicht und berührt. Seit 16 Jahren erscheint Woche für Woche ein solches Interview, stets geht es um die Arbeit, um berufliche Veränderung, Erfolg und Erfüllung.

Mathias Morgenthaler

Mathias Morgenthaler

 

In diesen Tagen ist mein zweites Buch zum Thema erschienen, das ich gemeinsam mit dem Berner Coach Marco Zaugg verfasst habe. «Aussteigen – Umsteigen» steht programmatisch auf dem Titelblatt – da muss man sich als Autor natürlich die Frage gefallen lassen, ob man überhaupt etwas von der Materie versteht. Wenn einer seit 16 Jahren brav jede Woche ein Interview mit mutigen Berufsleuten veröffentlicht und dabei stets auf die Infrastruktur und den Lohn seines Arbeitgebers vertraut: hat so einer überhaupt etwas zu sagen zum Thema Aussteigen und Umsteigen?

Wenn ich durch die über 800 Interviews etwas gelernt habe, dann vielleicht folgendes: So sehr wir inspirierende Geschichten brauchen, um in Bewegung zu kommen, so gefährlich ist es, sich mit anderen zu vergleichen in einer Sache, für die es keinen allgemein gültigen Massstab gibt. Eine Akademikerin, die ihre Doktorarbeit liegen lässt und in Rio das Zirkushandwerk lernt? Ein ETH-Student, der mit vegetarischen Restaurants die Schweizer Gastronomie verändert? Ein Spitzensportler, der trotz Querschnittlähmung als Arzt arbeitet und als Pianist auftritt? Das alles sind extreme Beispiele von Veränderungswille und -fähigkeit. Wir könnten uns leicht durch sie entmutigen lassen und bilanzieren: «Im Vergleich dazu bin ich an Ort und Stelle getreten.»

Das wäre schade, denn der erste Schritt zur Veränderung besteht darin, den eigenen Weg zu würdigen. Wenn wir verstehen, wie wir geworden sind, was wir sind, können wir freier über die weiteren Schritte bestimmen. Wir müssen dann nicht anderen nacheifern, sondern können uns an dem orientieren, was uns wichtig ist. Um es an meinem Beispiel zu veranschaulichen: Ich schreibe zwar immer noch Woche für Woche ein Interview wie schon vor 16 Jahren. Ich habe aber in den letzten Jahren mein Arbeitspensum als Angestellter reduziert, habe eine eigene Firma gegründet und betreibe heute selber ein Portal zum Thema berufliche Veränderung. Nichts Spektakuläres, von aussen betrachtet. Für mich hat sich dennoch viel verändert. Ich bin Risiken eingegangen, habe unternehmerische Entscheidungen gefällt, die Befriedigung erlebt, wenn etwas am Ende gut ausging oder wenn ich nach Rückschlägen doch noch eine Lösung fand. Ich habe mir in kleinen Schritten ein Stück berufliche Unabhängigkeit erkämpft, was unter anderem dazu geführt hat, dass ich mich als Angestellter eines Medienkonzerns weniger schnell ärgere als früher, sondern die Privilegien zu schätzen weiss.

So soll das Buch «Aussteigen – Umsteigen» keine Aufforderung sein, alles liegen zu lassen und komplett neu anzufangen. Weil es aber heute die Lebensstelle so wenig gibt wie die sichere Karriereplanung, sind wir alle aufgefordert, selber die Verantwortung zu übernehmen für unsere berufliche Laufbahn und beweglich zu bleiben. Das setzt voraus, dass wir lernen, Veränderungen mitzugestalten statt zu erleiden. Angesprochen sind deshalb auch jene, die mit diffusem Unbehagen irgendwo einen Job machen und sich ab und zu fragen: War das schon alles? Hatte ich nicht einmal ganz andere Pläne? Wofür möchte ich mich mit ganzer Energie einsetzen?

Im Buch «Aussteigen – Umsteigen» stehen deshalb nicht die 46 portraitierten Unternehmerinnen und Unternehmer im Zentrum, sondern Sie, liebe Leserin, lieber Leser.

 

Was wollen Sie bewegen?

Am 26. Februar 2012 erschien in diesem Blog der Artikel „Einen Beruf haben viele – aber wie viele folgen ihrer Berufung?“ von Mathias Morgenthaler.

 

Weiterführende Links: 

Alles zum Buch:«Aussteigen – Umsteigen»

Das Portal: Beruf & Berufung

Der «Bund»-Blog 

Fotografien von Bernhard Haldemann

 

2 Gedanken zu “«Aussteigen – Umsteigen»: ein Buch, das Veränderungen ins Zentrum stellt

  1. Ein sehr schönes Buch, das aufzeigt, was alles möglich ist. Klasse Mathias, was du im Laufe der Zeit an wertvollen Informationen und Begebenheiten zusammen getragen hast. Mir geben diese persönlichen Erfahrungen sehr viel. Vielen Dank.

  2. Ich bin selbst dabei, vom Organisationsberater zum Treibholzkünstler „umzusteigen“. Ihr Buch hat mich auf diesem Weg sehr ermutigt. Denn finanzielle Engpässe und Zweifel lassen schon an dem eingeschlagenen Weg zweifeln. Deshalb vielen Dank.

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