Einen Beruf haben viele – aber wie viele folgen ihrer Berufung?

Es ist über all die Jahre zu meinem Ritual geworden: Am Samstagmorgen, beim Kaffee, schlage ich als erstes im „Bund“ die Rubrik „Beruf & Berufung“ von Mathias Morgenthaler auf. Die Interviews mit Menschen, die ihrer Berufung nachgehen, regen zum Nachdenken an. Welche Gedanken zum Thema aber macht sich der Journalist, der all die Interviews geführt hat? Und hat er selber seine Berufung gefunden? Die Antworten und mehr im Blogbeitrag. Amina Chaudri

 

Text von Mathias Morgenthaler, Bern:

Als ich vor 13 Jahren den Auftrag erhielt, wöchentlich ein Interview zu Arbeitsthemen für die Stellenmarkt-Beilage zu produzieren, vergeudete ich keine Gedanken an die Frage Beruf oder Berufung. Mein Problem war: Wen konnte ich befragen und wie macht man das überhaupt, ein Interview? Mein erstes Opfer war ein Berufsberater, der zum Glück erfahrener war als ich. Das Interview wurde gedruckt, es gab keine Proteste, und in der nächsten Woche suchte ich wieder jemanden, den ich über seine Arbeit ausfragen konnte.

Mathias Morgenthaler

Mathias Morgenthaler

 

Heute, 13 Jahre und 650 Interviews später, stelle ich mir noch immer Woche für Woche die Frage, wen ich interviewen könnte und ob daraus ein interessanter Beitrag wird. Inzwischen kenne ich ein paar Kriterien, die mir bei der Auswahl helfen. Mich interessieren Menschen, die ihrer Berufung folgen, die etwas Eigenständiges schaffen, einem Beruf nachgehen, den es ohne sie so nicht gäbe. Menschen wie die Sängerin Nadja Stoller, die im Interview sagte: „Im Zweifelsfall habe ich mich immer für jenen Weg entschieden, vor dem ich mehr Angst hatte.“ Menschen wie der Bildhauer Yves Dana, der sagt: „Meine Arbeit ist für mich wie eine Versöhnung mit der Welt.“ Oder Menschen wie Barbara Artmann, die nach gut bezahlten Jahren bei Mc-Kinsey und UBS die Schuhfabrik Künzli kaufte, um etwas Handfestes herzustellen. Mich interessieren Menschen, die sich exponieren und Verantwortung übernehmen, die auch mal den beschwerlicheren Weg gehen, wenn die innere Stimme dazu rät.

Was heisst das, seiner Berufung zu folgen?

Seit im Sommer 2010 eine Sammlung meiner Interviews im Zytglogge-Verlag unter dem Titel „Beruf und Berufung“ erschienen ist, bin ich das oft gefragt worden. Meist folgte unmittelbar darauf die Frage: „Leben Sie selber denn Ihre Berufung?“

Ich weiss nicht, ob es die eine Berufung gibt. Aber ich glaube, dass wir alle ein Sensorium dafür haben, was in uns angelegt ist und wie wir uns entfalten können. Manchmal wundere ich mich, wie viele Menschen einer Arbeit nachgehen, die so gar nichts mit ihren Talenten und ihren Werten zu tun hat, die sie gleichgültig werden lässt, bitter oder krank. Arbeiten wir nicht zu viel und leben zu wenig lang, um einen Job zu machen, der uns nichts angeht? Wären wir nicht aufgerufen, etwas zu tun, das niemand sonst so tun kann ausser uns?

Wenn ich nach 13 Jahren immer noch gerne Woche für Woche ein neues Interview führe und schreibe, hat das damit zu tun, dass dies für mich mehr Berufung ist als Job.  Leserinnen und Leser zu inspirieren und sie zu ermutigen, über sich hinauszuwachsen, ist eine dankbare Aufgabe.

Es wäre aber naiv zu erwarten, dass jemand aufgrund eines Zeitungsartikels sein Leben verändert. Oft gelingen Veränderungen dank Beziehungen. Deshalb bin ich daran, eine Plattform zu schaffen, wo sich Menschen, die vor Veränderungen stehen, informieren und austauschen können. Mehr dazu in zwei Monaten.

Weiterführende Links:Buch von Mathias Morgenthaler, Beruf und Berufung, Interviews

Blog von Mathias Morgenthaler, Beruf und Berufung

Bieler Tagblatt, Interview mit Mathias Morgenthaler, 22. Januar 2011, Eine Portion Unvernunft hilft

Berner Zeitung, Interview mit Mathias Morgenthaler, 7. August 2010, Warum wir erst unter Leidensdruck verändern

Fotografien von Angela Straub, Mathias Morgenthaler

 

3 Gedanken zu “Einen Beruf haben viele – aber wie viele folgen ihrer Berufung?

  1. Ich freu mich jetzt schon auf die Fortsetzung… Super Themenwahl und spannend geschrieben. Macht Lust auf das Buch.

  2. Danke, liebe Amina für Deinen spannenden und inspierierenden Blog. Freue mich bereits jetzt auf die Fortsetzung!
    Susann

  3. Mitten ins (berufliche) Herz! Buch grad bei Amazon bestellt :)
    Freu mich auf mehr!

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