Menschenrechte sind universell, ohne Wenn und Aber

Elham Manea wurde in Ägypten als Tochter eines jemenitischen Diplomaten geboren. Sie ist Buchautorin (u.a. „Ich will nicht mehr schweigen: Der Islam, der Westen und die Menschenrechte (Herder, 2009)) und Privatdozentin an der Universität Zürich. Sie engagiert sich für einen humanistischen Islam; Menschenrechte sind für sie das höchste Gut und dürfen nicht angetastet werden. Im folgenden Text erfahren wir, wodurch sie und ihre Überzeugungen geformt wurden. Amina Chaudri

 

Text von Elham Manea, Bern, Teil 1 – Englischer Originaltext hier

Was formt einen Menschen? Was macht ihn zu der Persönlichkeit, als die man ihn heute kennt? Manchmal frage ich mich, ob ich heute die wäre, die ich bin, wenn nicht die Augen meiner Mutter gewesen wären. Der stumme Ruf ihrer Augen wird mein ganzes Leben lang in mir widerhallen. Ohne diesen Widerhall hätte ich meinen ersten arabischen Roman صدى الأنين (Echoes of Pain) nicht geschrieben.

 

Elham Manea, Engagement Menschenrechte

Elham Manea

 

Wäre ich heute jemand anderes, wäre nicht die Stimme meines Vaters gewesen? Wie auch meine Mutter sprach er lange mit mir – über das Leben und den Tod, über Religion und über die Freiheit des menschlichen Willens. Als ich klein war, spielte er mit mir am liebsten Gedichte rezitieren: Er trug einen Teil eines Gedichts vor, und ich musste mit dem letzten Buchstaben ein neues beginnen. Ich liebte seine Spiele. Er war ein Philosoph, der stärker an mich glaubte, als ich selbst es tat. “Träume von den Sternen, arbeite hart, und mit ein bisschen Glück wirst Du sie einfangen”. Ich verstand nie ganz, was er in mir sah, aber mit der Zeit lernte ich, seinem Glauben an mich zu vertrauen. 

Die Geschichten meiner Mutter waren ganz anders. Sie waren durch Schmerz geformt: der Schmerz, ein Mädchen zu sein, das mit acht Jahren beschnitten wurde; der Schmerz über den Fluch ihrer Schönheit, die ihren Vater dazu brachte, sie mit 13 zu verheiraten – je früher die Last auf einen anderen überwälzt war, desto besser –; auch der Schmerz von anderen Frauen, deren bittere Geschichten sie kannte. Dieser Schmerz hatte oft mit Männern zu tun. „Dem Mann kann man nicht vertrauen. Der Mann fügt nur Schmerzen zu”. Aber mein Vater war doch ein Mann! Und bei Gott, er war so wunderbar. Er war mein Held.

Mit der Zeit lernte ich, eine Geschichte vollständig zu machen, indem ich all ihre Aspekte betrachtete. Die Geschichten meiner Mutter zu hören würde kein vollständiges Bild ergeben, fügte man nicht die Stimmen meines Vaters und vieler weiterer Männer hinzu. Mit der Zeit lernte ich, den Schmerz, der durch Ungerechtigkeit und Benachteiligung entsteht, in die gesellschaftlichen Zusammenhänge zu setzen, die diese Verhaltensweisen begünstigen. Dieses gesellschaftliche Umfeld zu ändern bedeutet, eine Kultur zu ändern. Und die Religion ist Teil dieser Kultur. Sie hat eine Reform dringend nötig. Mit der Zeit verstand ich auch, dass man, wenn man Ungerechtigkeit und Unterdrückung beenden will, für seine Ideale kämpfen muss. Nichts ist umsonst. Wir müssen für unsere Rechte kämpfen.

Auch dass ich wegen der Arbeit meines Vaters als Diplomat ständig zwischen verschiedenen arabischen, islamischen und westlichen Gesellschaften umherreiste, machte mich zu dem Menschen, der ich heute bin. Es ist nicht so wichtig, wo jemand herkommt, was seine Hautfarbe, seine Religion oder sein Geschlecht ist – schlussendlich ist jeder ein Mensch. Wo auch immer ich hinreiste, traf ich Menschen. Und wo auch immer ich hinreiste, hörte und sah ich Geschichten von Diskriminierung. Diskriminierung ist universell, genau wie die Menschenrechte, die man beschützen muss, damit nicht dagegen verstossen wird.

Ist es zuviel verlangt, dass die Menschenrechte universell gelten müssen? Verlange ich zuviel, wenn ich darauf beharre, dass niemand – keine Gesellschaft, kein Staat, keine Kultur und keine Religion – Verstösse gegen die Menschenrechte rechtfertigen kann, indem er kulturrelativistische Argumente auf den Tisch bringt? Menschenrechte sind universell, ohne Wenn und Aber. Viele arabische Staaten, konservative und islamistische Gruppen, und mit ihnen die westlichen Kulturrelativisten fordern, eine Frau müsse ihrer individuellen Freiheit und ihres freien Willens beraubt werden, weil ihre Religion und Kultur dies so wollen! Dieses Argument beeinträchtigt nicht nur das Leben der Frauen. Es hat auch Konsequenzen für verschiedenste Minderheiten in diesen Gesellschaften und für alle, die sich für die Freiheit der Religion, Rede und der politischen Rechte einsetzen. Ich sage: Dieses Argument  ist falsch, und ich ergreife Opposition dagegen.

Übersetzung ins Deutsche von Sabine Gysi, Zürich

Am 1. April erscheint hier der zweite Teil von Elham Manea.

Weiterführende Links: 

 

Buch: Ich will nicht mehr schweigen. Der Islam, der Westen und die Menschenrechte.

Samstagsinterview im Bund vom 11. Februar 2012

Einführung der Scharia in das westliche Rechtssystem, Legitimation systematischer Diskriminierung, Qantara.de, 2012

Fotografie:

Elham Manea, Pia Neuenschwander, Bern


 

English version of the article

What makes a person? What drives him or her to be the person he/she became known for? Sometimes I wonder; would I have been the same, if it was not for the eyes of my mother? The silent echoes of her eyes have hunted me all my life. If it was not for those echoes, I would not have written Echoes of Pain – صدى الأنين  -my first Arabic novel.

Would I have been someone different, if it was not for the voice of my father? Just like my mother, he talked long with me, about life, death, religion and the freedom of the human’s will. His idea of playing with me as a child was to recite a part of poem, and I have to start a new one with the last letter of his part. I loved his games. He was the philosopher that believed in me, more than I did. Dream of the stars, work hard, and with a bit of luck you will capture them in your hands. I never understood what he saw in me, but I learned overtime to trust his faith in me.

My mother’s stories were different though. Hers were formed by pain: pain of being a girl, circumcised at eight; pain by being cursed by her beauty, and therefore married off by her father at the age of 13 – better to marry her early and make her the trust of another man; and pain by the stories of women she knew – painful stories – a pain that was often interrelated to man. Man was not to be trusted.  Man inflicts only pain. But then I had a man as a father! And God he was wonderful to me. He was my hero.

Over the time I learned how to make a story complete by looking at the different aspects of it. To hear my mother’s stories, would not be complete without hearing the voices of my father and all the men involved. Over the time I started to recognize the pain caused by injustice and discrimination but situate them within the social context that causes them. To change that social context means to change culture. And religion is part of that culture. It has to be reformed. Over the time I started to understand as well that to end injustice and discrimination, one has to fight for these ideals. Nothing comes for free. We have to fight for our rights.

Traveling constantly between different Arab, Islamic and Western societies because of my father’s work as a diplomat made me the person I am as well. It does not really matter where you come from, your colour, religion, or gender, in the end you are a human. Everywhere I went I met humans. And everywhere I went I saw and heard of stories of discrimination. Discrimination is universal and so are the human rights that should be protected to end these violations.

Is it too much to ask? To insist that human rights are universal? Is it too much to persist in the belief that no one, no society, no state, no culture and no religion can use ‘a relativist’ argument to get away with violations of human rights? Human rights are universal. It is as simple as that. Many Arab States, conservative and Islamist groups, in addition to Western cultural relativists, claim that a woman should be deprived of her individual freedom and right to choice because her religion and culture dictates so! Their argument does not only reflect on women’s lives. It does also have consequences for the minorities living in these societies and for those who fight for the freedoms of religion, speech and political rights. I believe their argument is wrong and I am taking a clear stance against it.

 

Ein Gedanke zu “Menschenrechte sind universell, ohne Wenn und Aber

  1. Elham Manea beeindruckt mich immer wieder mit ihren Aussagen. Erinnere mich noch heute gerne an die eindrückliche Lesung in Bern. Der Blogbeitrag ist fast so schön wie die Lesung oder ein Buch – leider viel zu kurz. Aber zum Glück folgt Teil 2 schon bald.

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