Der #lesezirkel der modernen Welt

Die Baselbieterin Seraina Scherer steckte bereits als Kind ihre Nase andauernd in Bücher. Kaum erstaunlich, dass ihr beruflicher Weg zur Bibliothekarin führte. Zu Hause wurde intensiv und gerne über Politik, Alltagsgeschehen, Buchinhalte und vieles mehr diskutiert. Bücher und Kommunikation sind ihre beiden Leidenschaften, die sie mit ihrem Projekt #lesezirkel verbindet. Der #lesezirkel, ein gutes Beispiel, wie sich online mit offline verbinden lässt.

 

Teil 2

Das Projekt #lesezirkel  ist eine logische Konsequenz auf meinem Lebensweg: Wieder habe ich verschiedene Leidenschaften miteinander verbunden, wie damals bei meiner Berufswahl.

Alles begann im Sommer 2011, als ich nach drei intensiven Wochen Backpacking zu zweit in Indonesien, zurückkehrte. Ich hatte mir bei dieser Gelegenheit eine Internet- und Twitterauszeit gegönnt und mir viel Zeit fürs Lesen genommen. Kaum zu Hause angekommen, stellte ich fest, dass es mir fehlte, mich mit jemandem über Gelesenes zu unterhalten. Drei Wochen lang hatte ich mich mit meinem Mitreisenden, einem guten Freund, über das Lesen unterhalten können, da wir zufällig gerade das Gleiche lasen: Die Millennium-Trilogie von Stieg Larsson.

Seraina Scherer, #lesezirkel

Seraina Scherer, #lesezirkel

Aus einer spontanen Laune heraus twitterte ich nach meinen Ferien an meine Follower, ob jemand Lust hätte, gleichzeitig mit mir das gleiche Buch zu lesen und sich via Twitter abschnittweise darüber auszutauschen. Der Grundstein für den #lesezirkel war gelegt.

Der #lesezirkel funktioniert so, dass ich in regelmässigen Abständen eine Auswahl an Büchern auf dem Blog  präsentiere. Diese Titel kommen dann bei Doodle zur Abstimmung. Interessierte Mitlesende haben jeweils ein paar Tage Zeit, sich die Rezensionen anzusehen und für ihren bevorzugten Titel zu stimmen. Ganz demokratisch gewinnt das Buch, das am meisten Stimmen geholt hat.

Nachdem sich alle ein Exemplar besorgt haben, geht es los. Auf dem Blog gebe ich die festgelegten Abschnitte (Kapitel oder Seiten) an, über die wir jeweils twittern. Pro Woche lesen wir ca. 100-150 Seiten und „vertwittern“ diese. Jeweils am Sonntag wird auf Twitter ein Zwischenfazit gezogen. Danach geht es mit dem nächsten Abschnitt weiter.

Hier teilen die Mitleser ihre Trouvaillen

Ich schätze diesen Austausch sehr, um während des Lesens schöne Stellen zu zitieren, Fragen zu stellen, Beobachtungen zu teilen oder auch einfach einmal, um meine Begeisterung (oder das Gegenteil ;-)) für ein Buch zu äussern. Am Spannendsten finde ich bisher, nach gut 10 Monaten, wie enorm unterschiedlich die einzelnen Menschen Dinge wahrnehmen. So kann es gut sein, dass man verdutzt zurückblättert, weil jemand anderes aus dem #lesezirkel etwas zitiert oder auf eine Textstelle hinweist, die einem selbst nicht aufgefallen ist.

Das Tolle am #lesezirkel ist, dass man keinerlei Zwängen ausgesetzt ist: Wir treffen uns nicht regelmässig zu festgelegten Zeiten, jeder kann in seinem Tempo lesen, jeder kann in der von ihm bevorzugten Sprache lesen (bei Übersetzungen), jeder wählt das für ihn passende Format (gebunden, Taschenbuch, eBook, Hörbuch), usw. Festgelegt sind einzig die Anzahl Seiten und die Zeitabschnitte. Und so lautet auch die einzige Regel, nicht voraus zu twittern oder zu „spoilern“, wie man auch gerne sagt.

Es mag manchmal schwierig sein, seine Gedanken auf nur 140 Zeichen zu beschränken, aber die Erfahrung der letzten Monate zeigt, dass es sehr wohl geht. Die „Einschränkung“ ist näher besehen sogar das Gegenteil: Man konzentriert sich auf das Wesentliche.

Ich bin jedenfalls sehr froh, habe ich letzten August diesen Tweet abgesetzt. Ich habe seither viele interessante Menschen kennen gelernt und tolle Bücher gelesen.

Tradition und neuste Kommunikation gehen Hand in Hand

Der #lesezirkel ist ein schönes Beispiel dafür, wie man online und offline miteinander verknüpfen kann. Lesekreise gab es schon immer. Durch die gewählte Plattform Twitter, auf der wir uns austauschen, haben wir eine traditionelle Gewohnheit einfach ins Netz verlagert und nutzen die gegebenen Umstände zu unserem Vorteil. Ich glaube, viele der Mitlesenden wären kaum mit von der Partie, wenn die Teilnahme bedeuten würde, dass sie regelmässig zu bestimmten Terminen an bestimmte Orte kommen müssten. Twitter gibt uns eine Flexibilität, die heute von Vielen gesucht und geschätzt wird.

Bisher haben wir uns ein Mal „im richtigen Leben“ getroffen, in der Buch- und Kaffeebar Nasobem in Basel.

Nasobem, Basel

Nasobem, Basel

Es war ein spannender Nachmittag, an dem erstaunlich wenig über Bücher und Literatur geredet wurde, sondern an dem wir uns vielmehr einfach kennen lernten.

Ich freue mich immer über neue Mitleserinnen und Mitleser, die unsere Leidenschaft teilen wollen!

Einfach den Hashtag #lesezirkel bei Twitter verfolgen oder mich via Twitterkonto @tw_lesezirkel kontaktieren. Alle Informationen zu dem Projekt finden sich ausserdem auf dem Blog.

Teil 1 von Seraina Scherer ist am 20. Mai erschienen.

Weiterführende Links:

Online-Visitenkarte Seraina Scherer

Fotografie von Seraina Scherer, Steven Leisinger

Fotografie vom Nasobem, Simon Kneubühl

Artikel in der tageswoche.ch

 

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