Zweigleisig durch die Berufswelt navigieren

Reg Fry hat 10 Jahre bei der SBB gearbeitet. Zunächst war sie als Testassistentin ETCS in einem technischen Bereich tätig und hat später u.a. Bildungsprojekte geleitet. Seit kurzem ist sie Leiterin der Geschäftsstelle von HELVETIAROCKT. Reg Fry brennt für das Thema „Lernen im Betrieb“; ihre Liebe gehört aber auch der Musik & den Leuten, die Musik mögen. Wie sich ihre beiden Leidenschaften entwickelt haben und beruflich aufeinander getroffen sind, beschreibt sie im Blogbeitrag.

 

Früher war ich einmal  Serviertochter. Frisch aus dem Lehrerinnenseminar, bin ich einen Sommer lang auf der Münsterplattform mit Bier und Salaten hin und her gerannt. In den Jahren darauf habe ich Bücher verkauft, für Tixitaxi-Fahrer gekocht, Messestände aufgebaut; ich war Barista, habe Pflanzen in Büros gegossen und als Lehrerin gearbeitet. Ich habe während dieser Zeit stets Neues dazugelernt und viele tolle Menschen kennengelernt, die mir wertvolle Coaches und Sparringpartner/innen waren.

Es gibt Kinder, die wissen, was sie später werden wollen, und es gibt Erwachsene, die einen Plan haben. Ich fahre zweigleisig.

Reg Fry

Reg Fry

Wie ich zur Bahn und zur Musik kam

Die letzten 10 Jahre habe ich bei der SBB gearbeitet. Als Testassistentin ETCS tauchte ich zunächst in die technische Bahn-Welt ein und blieb eine ganze Weile darin. Dass ich mich jemals so stark mit einem Betrieb identifizieren würde, hätte ich nie gedacht. 

Die letzten fünf Jahre habe ich, ebenfalls bei der SBB, Bildungsprojekte geleitet und Bildungskonzepte für die interne Weiterbildung entwickelt. Berufsbegleitend habe ich mir das Diplom zur Erwachsenenbildnerin erarbeitet. Ich habe in dieser Zeit sehr viel gelernt und Feuer für das Thema Lernen und Organisationsentwicklung gefangen. Wie ich zur Bahn kam? Über einen guten Freund, der klagte, sie seien zu wenig Leute im Team.

So hat sich das oft abgespielt in meinem Leben: Ich bin in etwas hineingerutscht, und nach einiger Zeit hat es sich zu einer Leidenschaft entwickelt.

Es hat bereits in der Schule begonnen. Mein Musiklehrer hat mich „genötigt“, im Bandunterricht E-Bass zu spielen. Eigentlich wollte ich Keyboard spielen. Das wollten aber alle andern Mädchen auch – singen oder Keyboard spielen. Also habe ich mich – wohl oder übel – dem Viersaiter gewidmet.

Die Musik ist zu einem der besagten „Gleise“ in meinem Leben geworden. Das andere ist die Arbeit, mit der ich meinen Lebensunterhalt verdiene.

Meine Beziehung zum Bass dauert nun gute 20 Jahre. Inzwischen zupfe und streiche ich auch den Kontrabass. Ich spiele in verschiedenen Bands (aktuell bei Ray Wilko, Jua*, TACO & Miss Tigre), war bei mehreren CD-Aufnahmen dabei und spielte bei einem Theaterstück die Rolle der bassspielenden Serviertochter.

„Frauen und Technik – Frauen und Stromgitarren“

Im letzten Oktober liefen die zwei Gleise das erste Mal zusammen. Dies ziemlich plötzlich und mit hoher Geschwindigkeit. Bei der Bahn wird dafür teures Geld investiert und eine mehrmotorige Weiche eingebaut. Bei mir ging das einfacher.

Ein Arbeitskollege schickte mir ein Stelleninserat. Ich habe mich beworben – und arbeite seit Dezember zu 40% als Leiterin der Geschäftsstelle von HELVETIAROCKT. HELVETIAROCKT ist ein Verein mit dem Ziel, den Frauenanteil in der Populär- und Jazzmusik anzuheben. Insbesondere Instrumentalistinnen gibt es wenig. Auf den Bühnen sind es ca. 5%.

Auf beiden meiner „Gleise“ habe ich erfahren was es bedeutet, als Frau einer Minderheit anzugehören, in der technischen Welt und in der Welt der Rockmusik. Es war spannend, herausfordernd und manchmal vorteilhaft die einzige oder eine von wenigen Frauen zu sein – aber nicht immer einfach.

Eine kleine, wendige Maschine mit Potential

Im Gegensatz zur den Schweizerischen Bundesbahnen ist HELVETIAROCKT noch eine filigrane, kleine Maschine, die dafür aber leicht und wendig ist. Ideen können schnell umgesetzt werden. Die Arbeit ist vielfältig, und ich kann meine Erfahrungen als Planerin, Umsetzerin, Bildungsfachfrau und Musikerin gut einbringen und neues dazulernen.

HELVETIAROCKT

HELVETIAROCKT

 

Die Philosophie von HELVETIAROCKT entspricht mir. Sie hat nichts mit der „Opferhaltung“ einer Minderheit zu tun. Vielmehr geht es darum, auf lustvolle Art am „System zu schrauben“. Es ist unser Ziel, uns in ein paar Jahren überflüssig zu machen – weil dann der Frauenanteil im Jazz, Pop und Rock bei mindestens 30% liegen sollte, und es nicht mehr „merkwürdig“ oder „speziell“ ist, wenn Frauen die Jazz-, Rock- und Pop-Bühnen der Schweiz bespielen.

Wenn es soweit ist, stellt sich für mich erneut die Frage, in welche Richtung meine Gleise laufen.

Das Leben als Ausbildung sehen

Ich lese aktuell ein Buch: „Essenz der Arbeit – die Alchemie der Berufsnavigation“. Im Kapitel „das Ausbildungskomitee“ wird die Leserin eingeladen, sich ihr bisheriges Leben als eine gut organisierte Ausbildung vorzustellen. Der Autor, Thomas Diener, spricht vom „Navigieren in der Arbeitswelt“. Diese Vorstellung gefällt mir gut, und sie lässt sich mit meinem inneren Bild der zwei Gleise vereinbaren. Ich bin sehr gespannt darauf, wie meine weitere Ausbildung verlaufen wird…

Weiterführende Links:

 

HELVETIAROCKT 

Artikel in der WOZ, Exotinnen, die keine sein möchten, 8.3.2012

HELVETIAROCKT bei facebook , HELVETIAROCKT bei Twitter , FLYING OFFICE von HELVETIAROCKT

HELVETIAROCKT youtube 

Reg Fry bei Ray Wilko , Reg Fry mx3 

Buch von Thomas Diener, Berufsnavigation

 

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