Das Glück ist unabhängig von Schicksalsschlägen

Andreas Pröve, geboren 1957, bekannter Fotoreporter und Buchautor, verunglückte als 23-Jähriger mit seinem Motorrad und ist seitdem querschnittsgelähmt. Schon drei Jahre nach dem Unfall brach er im Rollstuhl zur ersten Indienreise auf und tourt bis heute, getrieben von der Lust am Entdecken und unstillbarer Neugier, durch die Welt. Dabei schreckt er auch nicht vor extremen Herausforderungen zurück. Mit seiner Familie lebt Pröve am Südrand der Lüneburger Heide.

 

Teil 1

„Wo nehmen Sie nur die Kraft her?“, ist eine der mir am häufigsten gestellten Fragen, die ich bis heute nicht befriedigend beantworten kann. Vermutlich steckt hinter der Frage der Wunsch der Menschen, ein Rezept zu finden, das immun macht gegen Schicksalsschläge aller Art. Optimistisch und zuversichtlich zu bleiben, egal was passiert.

Am liebsten würde ich den Journalisten, Zuschauern und Lesern entgegnen, dass ich einen Rucksack mit Kraft trage, aus dem ich mich bei Bedarf bedienen kann. So absurd diese Erklärung auf den ersten Blick erscheint, vielleicht liege ich gar nicht so weit daneben.

Andreas Pröve

Andreas Pröve

 

Unser Zuversichts-Reservoir wird in der Kindheit aufgefüllt

Wir wissen ja, viele Veranlagungen liegen in unserer Kindheit begründet. Mit sechs Geschwistern bin ich unter einfachsten Bedingungen aufgewachsen. Das Licht eines Bildschirms erblickten meine Augen erst im zarten Alter von 15! Und, Sie werden es ahnen, bis zu diesem Zeitpunkt hat mir ein Fernseher nicht gefehlt. Die Abende waren mit Karten spielen, Radio hören und Lesen erfüllt. Der familiäre Zusammenhalt machte uns Kinder stark – optimale Bedingungen für den Start in ein erfülltes Leben.

Aber das Schicksal setzte noch eins drauf und verschaffte mir ein großes Reservoir an Zuversicht, aus dem ich fortan schöpfen konnte. Dazu möchte ich Ihnen eine kurze Geschichte erzählen, die sich damals ereignete. Es ist nur eine von vielen Begebenheiten, die zu einem dauerhaft positiven Grundrauschen geführt haben. Ich weiß es noch genau, als wäre es erst gestern gewesen.

Ich war besagte 15 Jahre alt, hatte drei Wochen in den Ferien gearbeitet und den ungeheuren Betrag von 50 Mark zusammengespart.

1974 A.Pröve mit 50 DM

1974 A.Pröve mit 50 DM

Stolz trug ich den Schein immer in einer Ecke der Hosentasche bei mir, als wolle ich mich jederzeit von seiner Anwesenheit überzeugen. Selbst  im Urlaub am Strand in Cuxhaven hatte ich ihn in einer vermeintlich sicheren Innentasche meiner Badehose dabei. Und natürlich kam, was kommen musste:  Schon nach dem ersten Bad im Meer war er verschwunden.

Welch ein Unglück, und wie aussichtslos die Chance, ihn bei Ebbe wiederzufinden. Trotzdem beteiligten sich bei ablaufendem Wasser all meine Geschwister an der Suche. Ja man will es nicht glauben, das Glück war auf meiner Seite. Weitab der Badestelle, von der Strömung abgetrieben, fand ich meinen 50-Mark-Schein auf dem Watt.

Es bereitete mir größte Freude, mein sauer verdientes Geld  nun in Eis und Pommes für meine Geschwister zu stecken. Zwei Dinge lernte ich damals: Optimistisch bleibt, wer Menschen hat, die zu ihm halten. Und: Positives Denken – so abgegriffen diese Phrase auch ist – ist mit Glück im Leben eng verknüpft.

„Die Lektion: Zuversicht führt zu Erfolg“

Nicht das Glück, den Fünfzigmarkschein wiedergefunden zu haben war hier von Bedeutung. Schließlich war bald nichts mehr davon übrig. Die Erfahrung, in ausweglos erscheinenden Situationen zuversichtlich zu bleiben und nicht allein dazustehen hat mich von da an geprägt und meinen Charakter geformt.

Doch das wurde mir erst viel später bewusst, als mir Hilfe in großem Stil zuteilwurde. Nach dem schweren Verkehrsunfall, bei dem ich mir eine Rückenmarksverletzung mit einer Querschnittslähmung als Folge zuzog, entschlossen sich Freunde und Verwandte spontan, unentgeltlich ein barrierefreies Haus für mich zu bauen. Als ich im Rollstuhl aus dem Krankenhaus entlassen wurde, konnte ich einziehen.

In meinem nächsten Beitrag erzähle ich, wie mich meine Zuversicht rund um die Welt trug.

Am 30. September erscheint hier der zweite Teil von Andreas Pröve.

Weiterführende Links: 

Andreas Pröve Website

 

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