Ein Abenteurer, der im Rollstuhl um die Welt reist

Seit einem Verkehrsunfall im Jahre 1981 mit der Diagnose Querschnittslähmung ist sein Leben von Abenteuern geprägt. Auf unzähligen Reisen durch nahezu alle Erdteile sucht Andreas Pröve die Grenzen des Machbaren. Sein Motor ist dabei der Drang, Neues zu entdecken und sich einem Land vollkommen auszusetzen. Dabei macht er sich in „Handarbeit“ auf den Weg, denn nur diese Art des Reisens garantiert ihm einen Blick hinter die Kulissen.

 

Teil 2

Manchmal habe ich heute noch diesen Alptraum, in dem ich das Erlebte immer wieder durchspiele: Alles sieht so verwirrend echt aus, die Straße, die Leitplanke, die auf mich zukam, dann der blaue Himmel über mir, das Gras rundherum, das Pfeifen der vorüberrauschenden Autos und am Ende dieses verdammte Gefühl, als sei ich auf dem Boden festgenagelt. Ich tastete nach meinen Beinen, spürte sie zwar unter den Fingern, hatte aber keine Sensibilität mehr in ihnen. Hier im Gras auf dem Mittelstreifen der Autobahn zerplatzten all meine Lebensträume wie eine Seifenblase.

Doch gleichzeitig und ohne dass ich es damals merkte, war der Keim gelegt für einen Neuanfang, für neue Perspektiven und Herausforderungen. Die spielten sich allerdings zunächst auf recht niedrigem Niveau ab. Auch wenn ich es mir nie hätte träumen lassen, nach zwei Monaten Bettlägerigkeit war mein größter Wunsch ein Rollstuhl.

Andreas Pröve unterwegs

Andreas Pröve unterwegs

Zielstrebig auf Rädern und Schienen

Als ich mich Jahre später auf dem Bahnhof in Peking in die Transsibirische Eisenbahn tragen ließ, um nach einer achtmonatigen Reise durch ganz Asien zurückzukehren, erfüllte sich einer meiner großen Träume. Und es war mir völlig egal, ob mein Rolli durch die Toilettentür passen würde oder nicht. Die Krönung dieser Reise sollte nicht an diesen wenigen Zentimetern scheitern.

Erst eine Woche später, bei der Ankunft in Moskau, nachdem ich einen ganzen Kontinent auf Schienen durchquert hatte, verließ ich den Waggon wieder.

Auch bei den Iban, einem Ureinwohnerstamm in Borneo, wo ich mit meinem Rolli zu Gast war, überkam mich dieses wohlige Gefühl, wenn ein lang gehegter Traum Wirklichkeit wird.

Rückschläge und Hürden

Doch was sind Träume ohne Enttäuschungen; was ist der Erfolg schon wert, wenn in ihm nicht auch immer die Option des Scheiterns steckt? Wie niedergeschlagen war ich, als ich mein Vorhaben, auf dem Schienenweg nach Indien zu gelangen, in der Iranischen Botschaft in Istanbul aufgrund politischer Zerwürfnisse aufgeben musste. Erst viele Jahre später gelang mir die Einreise nach Persien. Monatelang war ich dann im Iran unterwegs, um zum krönenden Abschluss das größte Heiligtum der Schiiten zu besuchen, den Schrein des achten Imam in Maschad.

Einem Alptraum glichen auch die bangen Stunden, in denen ich in einer Syrischen Kaserne gefangen gehalten wurde. Man konnte sich nicht vorstellen, dass ich nur aus Freude am Reisen das Land mit dem Rollstuhl durchqueren wollte und beschuldigte mich der Spionage für den Israelischen Geheimdienst.

Allen Hindernissen zum Trotz zur Quelle

Auf der Suche nach neuen Herausforderungen und Abenteuern rutschte die Messlatte stetig höher.

Im Rollstuhl durch Indien reisen, nur in Handarbeit, immer am Ganges entlang, bis zur Quelle in über 4000 Metern Höhe! Das klang gut, so wie „zu Fuß um die Welt“. Auf den ersten Blick unmöglich, einfach nicht machbar.

Doch diesen Gedanken, diesen Traum, der sich in mir eingenistet hatte, mir in so mancher Nacht den Schlaf raubte, musste ich umsetzen. Energien wurden frei gesetzt, von denen ich bis dahin keine Ahnung gehabt hatte. Mit überschäumender Euphorie startete ich zu Hause und war maßlos entsetzt, als mich der Pilot des Fliegers nach Indien nicht einmal einsteigen ließ, weil ich keine Begleitperson hatte. Erst mit einem Tag Verspätung und der Hilfe eines Passagiers, der sich als meine Begleitperson ausgab, erreichte ich Kalkutta.

Doch damit nicht genug der Hindernisse. Skrupellose Räuberbanden, welche die Straßen unsicher machten, zwangen mich, umzudisponieren. Unfälle und Krankheiten hielten mir vor Augen, an welch seidenem Faden die Erfüllung meines Traumes hing. Monate später, kurz vor der Ganges-Quelle, rückte mein Ziel erneut in scheinbar unerreichbare Ferne: Gerölllawinen versperrten mir den Weg, Gletscher mussten überquert werden und nur noch schmale Klettersteige führten ans Ziel. Unmöglich mit dem Rollstuhl zu befahren. Stattdessen trugen Sherpas mich auf dem Rücken weiter, und erst als ich in eisiger Höhe vor dem Quellgletscher des Ganges stand, stellte sich die innere Zufriedenheit ein, mit der ich am Ende eines jeden erfüllten Traumes belohnt werde.

Von da an hatte es mir der Himalaja angetan. „Abwegig reisen“, in dünner Luft und in Regionen, die noch nie von einem Rollstuhl befahren wurden, reizt mich seitdem. Zu einem Grenzgang besonderer Art wurde mein Projekt Mekong im letzten Jahr. Startpunkt war das tropische Saigon – das Ziel die Quelle 5000 Kilometer entfernt, 5000 Meter über dem Meeresspiegel im tibetischen Hochland.

Die kühnsten Träume übertroffen

Doch all diese Abenteuer relativierten sich, als etwas geschah, was ich nie zu träumen gewagt hatte: Ich fand jemanden, dem der Rollstuhl unter mir egal war und mein Leben mit mir teilen wollte. Bei der Geburt unserer Kinder zeigte sich: ein Fünkchen Erfüllung steckt in jedem Traum. Nur wieder laufen zu können, kommt in meinen Träumen nicht vor. Als ich in einem Interview einmal gefragt wurde, welche drei Wünsche mir eine gute Fee erfüllen solle, waren mir Gesundheit, ein glückliches Leben und noch viele aufregende Reisen wichtig. Den Rollstuhl zu verlassen fiel mir nicht ein.

Teil 1 von Andreas Pröve ist am 23. September erschienen.

Weiterführende Links: 

Andreas Pröve Website

Fotografien von Nagender Chhikara

 

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