Mit den Wanderschuhen in Kirgistan, im Blazer am Messestand

Die Kunsthistorikerin Noemi Haag hat vor zehn Jahren ihren ersten „Shyrdak“, einen Filzteppich aus Kirgistan, gesehen und sich sofort dafür begeistert. Es folgten Reisen durch entlegene Dörfer Kirgistans, Besuche bei Herstellerinnen, die ihr Wissen von Generation zu Generation weitergeben, und viele Gespräche mit Kennern der Design- und Möbelbranche, bis sie und ihr Partner Roger Renggli das Label „karpet“ gründeten. Ein Label, das Wert auf faire Zusammenarbeit legt. Am 23.-25. November ist Noemi Haag an der Blickfang in Zürich und vom 30. November – 2. Dezember bei DesignSchenken Luzern anzutreffen.

 

Amina Chaudri: Eine Kunsthistorikerin widmet sich dem Teppichhandel. Wie ist es dazu gekommen?

Noemi Haag: Mein Vater war vor 10 Jahren auf einer Velotour durch Kirgistan und hat einen bezaubernden alten Teppich, einen Shyrdak, mit nach Hause gebracht. Ich war sofort begeistert von dieser speziellen Teppichart. Dieses schöne, wertvolle Produkt an die Frau/den Mann zu bringen, das Design zu erforschen, Kontakte in einem fremden Land aufzubauen, das alles hat es mir angetan.

Kirgistan

Kirgistan

 

Der erste Schritt war, dass Du selbst nach Kirgistan gereist bist. Mit welchem Ziel bist Du dorthin gegangen?

Eine Faszination für andere Kulturen hatte ich schon immer. Zudem bin ich seit jeher viel gereist. Auf meiner Reise in Kirgistan wollte ich konkret herausfinden, wie viele und welche Arten von Shyrdaks es gibt, wie die Herstellung funktioniert und wie lange diese dauert, und auch wie die Transportwege in die Schweiz funktionieren.

Wie entsteht ein Shyrdak?

Die Herstellung geschieht während einem ganzen Jahr: Im Frühjahr werden die Schafe geschoren; das ist der einzige Arbeitsschritt, bei dem die Männer beteiligt sind. Im Sommer wird die Wolle von Hand gereinigt und gefärbt, ein langer Prozess, anschliessend wird der Filz gemacht. Bei diesem Prozessabschnitt braucht es viele Hände, die anpacken, daher hilft häufig die ganze Nachbarschaft mit, auch die Kinder. Das ist eine fröhliche Angelegenheit, wenn die Gemeinschaft beisammen ist und viele Geschichten erzählt werden. Im Herbst zeichnen die Frauen Muster auf, schneiden den Filz zu und steppen diesen zweilagig von Hand. Diese Arbeit dauert den ganzen Winter über, und dieser ist in Kirgistan sehr lang. 

Frauen in Kirgistan

Frauen in Kirgistan

Der mutige Schritt von der Begeisterung zur Umsetzung

Meistens bleibt es bei der Begeisterung und bei Erkundigungen. Ihr habt jedoch ein Unternehmen gegründet und vertreibt Shyrdaks. Wie kam es dazu?

Mein Partner und ich sind vor drei Jahren zum ersten Mal nach Kirgistan gereist und haben vor Ort Frauen besucht, von denen wir wussten, dass sie Teppiche herstellen – Bekannte und Familien einiger kirgisischer Landsleute hier in der Schweiz. Uns wurde rasch bewusst, dass in gewissen Bergdörfern dieses Kunsthandwerk noch sehr lebendig ist. Häufig wird das Wissen von den Müttern an die Töchter weitergegeben. Leider nimmt auch in Kirgistan die Landflucht zu, so dass unsere Arbeit vor Ort immer wichtiger wird, um den Halbnomaden ein Einkommen zu gewähren.

Wir haben zuerst zehn Teppiche mit in die Schweiz genommen und haben uns mit diesen Exemplaren Gedanken gemacht, wie wir eine Firma gründen könnten. Wir haben viele Gespräche geführt, viele Branchenkenner befragt. Aber ein Risiko bleibt es immer, und mutig war es auf jeden Fall. Mit Engagement setzen wir uns auch heute noch täglich dafür ein, unseren Kunden die beste Qualität und die schönsten Muster zu bieten. Mit den Produzentinnen in Kirgistan haben wir ein sehr enges Verhältnis, da wir selber 3-4 Mal jährlich vor Ort reisen und die Familien besuchen.

Noemi Haag, Roger Renggli

Noemi Haag, Roger Renggli

Ihr legt Wert auf eine faire Zusammenarbeit und seid Partner des Labels „STEP“ (link). Was bedeutet das für uns Konsumenten?

STEP ist das bekannteste Fairtrade-Label im Teppichbereich, die Organisation gehört zur Max-Havelaar-Stiftung. Wir arbeiten direkt mit den Herstellerinnen zusammen, auch die Bezahlung erfolgt immer direkt an die Frauen, ohne Zwischenhandel. Die Herstellung eines Shyrdaks ist 100% Handarbeit und wird von den Frauen zu Hause gemacht, dies ist seit Hunderten von Jahren Tradition. Das Label „STEP“ überwacht die Herstellung nach strengen Fairtrade-Kriterien und schickt auch Personen vorbei, um sich vor Ort ein Bild zu machen.

Eine Bildsprache, die über alle Kulturen und Religionen hinweg verstanden wird

Welches sind die nächsten Ziele?

Zuerst möchten wir unsere Präsenz in der Schweiz und in Deutschland festigen und ausbauen. Wir wollen aber die Begeisterung für dieses Kunsthandwerk über die Schweiz und Deutschland hinaus tragen. An Messen wie in Mailand stellen wir fest: die Teppiche faszinieren Chinesen, Japaner und Menschen aus vielen anderen Kulturen, da die Formen keiner Religion zuzuschreiben sind und modern erscheinen, obwohl sie traditionell sind. Ausserdem ist die Begeisterung für handgemachte Unikate stark zu spüren. Authentische Produkte sind extrem gefragt.

karpet

karpet

 

Lebst Du mit dieser Aufgabe Deine Leidenschaft?

Ja, zum grossen Teil. Mein kulturhistorisches Wissen kann ich beim Nachforschen der Formen einsetzen, an den Messen treffe ich auf viele Menschen, ich kann international mit vielen Menschen arbeiten, die Familien in Kirgistan können von diesem Geld leben, und meine Liebe zu einem wunderbaren Produkt kann ich weitergeben. Mal trage ich Wanderschuhe in Kirgistan und mal bin ich im Blazer am Messestand. Es ist sehr abwechslungsreich und intensiv.

Weiterführende Links:

 

karpet-Website

karpet-News und Presseartikel

Facebook

STEP Fairtrade-Label

 

Zurzeit läuft die DOK-Serie „Die Seidenstrasse“ mit Peter Gysling, SRF Korrespondent, der für diese Serie auch durch Kirgistan gereist ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.