Gewagte Kunst: Geschichtenerzählerinnen machen die Kairoer Metro zur Bühne

Dieser Beitrag wurde von Astrid Thews und Mayada Said verfasst. Die beiden Frauen leben seit mehreren Jahren in Kairo, Ägypten und haben Anfang 2011 „Mahatat for contemporary art“ mitbegründet – eine Initiative für Kunst im öffentlichen Raum und partizipative Kunstprojekte. Hier auf aminachaudri.ch schildern Astrid Thews und Mayada Said Begebenheiten und porträtieren Personen, denen sie in Ägypten durch ihre Arbeit begegnet sind. Die Verfasserinnen erheben dabei keinen Anspruch auf Generalisierung, möchten sie doch vielmehr zu einem differenzierteren Bild über Ägypten beitragen. Dieser Beitrag ist der zweite Artikel, den die beiden Frauen auf diesem Blog veröffentlichen. Er handelt von jungen Ägypterinnen, die im Rahmen eines Mahatat Projekts ihre Geschichten – sowie die anderer Frauen – in Waggons der Kairoer Metro erzählt haben.

17. Februar 2012. Kairo, Nachmittag: Zwei junge Frauen laufen auf die Metro Haltestelle „Oper“ zu. Rechts von ihnen das grosse weisse Opernhaus, das in den 1980er-Jahren mit Unterstützung der japanischen Entwicklungskooperation erbaut wurde. Regelmässig finden hier Opern und Konzerte statt. Für ein zahlungskräftiges Publikum, versteht sich. Im Rücken der Frauen liegt die Kasr El Nil Brücke, über die man zum Tahrir Platz gelangt. An normalen Tagen treffen sich dort junge Paare, stehen Hand in Hand am Brückengeländer oder sitzen in einem der „fliegenden Cafés“, die bunte Plastikstühle auf dem Bürgersteig aufreihen und aus einem Bauchladen oder einer kleinen rollenden Vitrine Getränke verkaufen. Bekannt wurde die Kasr El Nil Brücke über Ägypten hinaus durch die Bilder des 28. Januars 2011, als Mubaraks Polizei hier brutal gegen Demonstranten vorging und zahlreiche Menschen verletzte und tötete.

Kunst soll für alle Bürger zugänglich sein

Zwei Monate nach jenem wichtigen Tag entstand die Idee zu Mahatat. Um die Bildung einer Zivilgesellschaft in Ägypten nach der Revolution zu unterstützen, um durch Kunst und Kultur auf die Bedeutung des eben von den Bürgern wiedergewonnenen öffentlichen Raumes aufmerksam zu machen, um Kunst für alle zugänglich zu machen – das sind nur einige der Beweggründe. Im Januar 2012 startete dann das erste Mahatat Projekt in Kairo, das sich „Shaware3na“, zu Deutsch „unsere Strassen“ nannte. Den Auftakt machte die Performance-Reihe „Art of Transit“, welche Waggons der Kairoer Metro während zweier Monate in Bühnen für verschiedenste Künste verwandelte.

Geschichten von Frauen für Frauen

Die beiden Frauen heissen Sondos Shabayek und Mona El Shimi, sind Mitte Zwanzig und Geschichtenerzählerinnen. Sie sind auf dem Weg in die Metro, um dort in den Frauenabteilen Waggons, die zu bestimmten Uhrzeiten Frauen vorbehalten sind, um sie vor etwaiger Belästigung durch Männer zu schützen aufzutreten. 2005 adaptierten die Stundentinnen der Amerikanischen Universität in Kairo Mariham Iskander, Naaz khaan und Menan Omar die „Vagina Monologe“ der amerikanischen Autorin Eve Ensler zu einem Stück über Frauen in Ägypten. Bald wurde ihnen aber klar, dass die „Vagina Monologe“ auch in adaptierter Form das ägyptische Publikum nicht ansprachen. Das Thema an sich jedoch gefiel dem Publikum, vor allem jungen Frauen und Männer: sie äusserten den Wunsch nach Geschichten, welche die Lebensrealitäten von Frauen in Ägypten widerspiegeln. So entstand die Idee, reale Geschichten zu sammeln. Mit Flugblättern wurden Frauen dazu aufgefordert, ihre Geschichten einzuschicken. Die „BuSSy Monologe“ – Erläuterung hier – entstanden. Es sind wahre Geschichten über Liebe, Heirat, Familie, aber auch häusliche Gewalt, die tägliche Belästigung von Frauen auf der Strasse und Vergewaltigung. Begeistert von den Auftritten der Frauen, die wir in verschiedenen Theatern gesehen hatten, luden wir Sondos und Mona, die spaeter in das BuSSy Projekt eingestiegen waren, ein, die Geschichten im Rahmen der Reihe „Art of Transit“ in den Frauenabteilen der Metro zu erzählen. Sie stimmten zu, und trotz vieler Schwierigkeiten sollten es gelungene Auftritte werden. In einem Interview zu dem Projekt sagte Mona: „Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass wir die Geschichten dort erzählen, wo sie hingehören.“

Women Story-Tellers

Women Story-Tellers

Eine Bühne auf Rädern: Die Kairoer Metro

Uns gefiel die Idee, die Metro als Bühne zu nutzen. Dieser Ort fasziniert uns, denn in einem kurzen Augenblick man trifft hier Hunderte Menschen verschiedenen Alters und verschiedener Herkunft, eine Mischung von Menschen, die man sonst gemeinsam in keinem Theater und keiner Galerie findet. Ein Querschnitt durch die ägyptische Gesellschaft also. Ausserdem wird die Metro bereits gleichsam als Bühne genutzt, und zwar von den zahlreichen Verkäufern, die sich ihren Weg durch oftmals vollgestopfte Waggons bahnen und mit lauter Stimme wild gestikulierend ihre Waren anpreisen. Nicht selten werden diese vorgeführt, ob es sich nun um Nähgarn, Plastikfolie oder Malbücher handelt. Und der ein oder andere liest laut aus dem Koran vor. Für uns lag es deshalb nahe, Kunst auf diese rollende „Bühne“ zu bringen. Trotz der Interaktion, die hier stattfindet, ist die Metro auch ein anonymer Ort, den Menschen nutzen, um von A nach B zu gelangen. Sie befinden sich im Transit, teilen für einen Moment diesen speziellen Ort, haben aber alle ein anderes, ein eigenes Ziel. 

Nervosität vor dem Auftritt

Sondos und Mona laufen die Treppen der Station „Opera“ hinunter. Sie sind gut gelaunt und lachen, doch ihre Anspannung ist nicht zu übersehen. Wie werden die Frauen auf die Geschichten reagieren? Sind unsere Stimmen laut genug, um den Lärm des fahrenden Zuges zu übertönen? Was tun wir, wenn die Metro-Behörden uns erwischen und zur Rede stellen? Aber Sondos und Mona sind nicht alleine unterwegs. Die Frauen werden begleitet vom Mahatat Team. Ausser uns sind da der Fotograf Hamdy, die Filmemacherin Yara, der Illustrator Amr und die „Bodyguards“ Santos und Samati. Hamdy macht ein paar Fotos von den Frauen, bevor sie in die Metro steigen, denn als Mann kann er das Frauenabteil nicht betreten. Dann verabschiedet er sich. Amr und die Bodyguards steigen in den Waggon nebenan und beobachten die Szene durch das Fenster. Yara und wir steigen mit Sondos und Mona in das Frauenabteil.

Künstler in der Metro?

In Kairo, wo Kunst im öffentlichen Raum bis 2011 kaum stattfand, ist eine Kunstdarbietung mitten in der Metro mehr als ungewöhnlich. Dass man dafür nicht einmal zahlen muss, verwundert die meisten. Vor unserem Projekt „Art of Transit“ hatte sich lediglich eine Gruppe männlicher Trommler getraut, in Waggons der Kairoer Metro aufzutreten. Aber fast alle Künstler, denen wir von dem Projekt erzählten, waren begeistert und nicht wenige hatten selbst bereits darüber nachgedacht, einmal in der Metro aufzutreten, sich dann aber aus nachvollziehbaren Gründen nicht getraut. Die Idee, dies im Rahmen eines Projektes, das etwas Sicherheit bietet, auszuprobieren, gefiel den jungen Künstlern. Und so hatten wir nach einigen Wochen und Künstlergesprächen die Truppe zusammen: Sondos und Mona mit den „BuSSy Monologen“, der junge Mime Amr mit acht verschiedenen Pantomime Stücken, die Clowns „Red Tomato“ und drei Schauspieler mit einem unsichtbaren Theaterstück.

Wie der Auftritt bei den Fahrgästen ankommt …

Sondos und Mona haben ihr „BuSSy Monologe“-Poster ausgepackt und halten es vor sich. Der Waggon ist voll, wir stehen weiter von den beiden Frauen entfernt. Yara ist mit ihrer Handkamera in der Nähe der beiden Künstlerinnen, die schon bald mit ihren Erzählungen beginnen. Mona erhebt ihre Stimme, verschafft sich Raum und legt los. Trotz der lauten Fahrgeräusche gewinnt sie schnell die Aufmerksamkeit der umstehenden Frauen, die das Poster sehen wollen und die Projekt-Flyer, die Sondos verteilt. Etwas abseits stehend hören wir die Geschichten nicht Wort für Wort; die Fahrtgeräusche übertönen sie zum Teil. Stattdessen beobachten wir die Stimmung und die Reaktionen der Zuhörerinnen. Wir bemerken eine Frau, die den Niqab  Erläuterung hier  trägt und wegen der Kamera wütend wird. Später werden wir erfahren, dass sie unseren Flyer studiert und etwas gelesen hat, das sie als unmoralisch und empörend empfindet. Wir hören und sehen, wie sie lauthals auszurufen beginnt und lauter und lauter wird. Unseren Flyer aufgefaltet über ihren Kopf haltend, schimpft sie über die „Medienbelästigung“ (durch unsere Kamerafrau) und fordert, sofort die Metrobehörden einzuschalten. Ausserdem liest sie im Flyer, dass auch Ausländer an Projekten beteiligt sind, wobei sie den Namen Paulina auf Arabisch liest und schreit „Die holen Polinnen, die in der Metro tanzen sollen!“ Mona und Sondos unterbrechen ihre Erzählung. Bei nächster Gelegenheit verlassen wir gemeinsam den Waggon, die Männer aus unserer Truppe haben den Vorfall vom Nachbarwagen beobachtet und steigen ebenfalls aus. Die Dame, die sich mittlerweile in Rage geschrien hat und auch durch andere Mitfahrerinnen nicht mehr zu beruhigen ist, steigt mit aus und jagt uns schimpfend von der Plattform gen Ausgang der Metrohaltestelle.

Viele Frauen in Ägypten wollen ihre Stimme auch in der Öffentlichkeit erheben

Dass junge Frauen in Ägypten in der Öffentlichkeit sehr wohl ihre Stimme erheben, zeigte die Präsenz zahlreicher Demonstrantinnen auf Ägyptens Strassen während der letzten zwei Jahre. Aktivistinnen und Journalistinnen verschaffen sich Gehör durch diverse Kanäle, zum Beispiel über traditionelle Medien, über soziale Netzwerke, durch die Arbeit in Nichtregierungsorganisationen oder aktive Teilnahme an Protesten, wo sie sogar an den Fronten mitmarschieren. Im Kairoer Alltag aber, abseits der Revolution und der prominenten öffentlichen Räume wie dem Tahrir Platz, rund um den Präsidentenpalast oder um das Innenministerium, sind manche Stadtteile, vor allem zu bestimmten Tageszeiten, sehr männerdominiert.

Die Zweifel des Teams

Hatten wir uns über- und die Situation unterschätzt? War unsere Aktion zu provozierend? War es leichtsinnig zu filmen? Dies und mehr fragen wir uns bei der Kleinbusfahrt zur nächsten Metrohaltestelle und treffen kollektive Entscheidungen: Wir werden nicht mehr filmen, sondern nur noch Tonaufnahmen machen. Mahatat-Flyer und BuSSy-Plakat bleiben eingepackt. Und dann sehen wir, was passiert. An der nächsten Station angekommen, werden Sondos und Mona von einer vollverschleierten Frau angesprochen, die die Szene in der Metro miterlebt hat. Zu unserer Verwunderung lobt sie die Performance und ermutigt die beiden Geschichtenerzählerinnen, weiterzumachen und sich nicht beirren zu lassen. Sie fügt hinzu: „Auf solche Reaktionen müsst ihr gefasst sein, das kann passieren. Diese Frau war verrückt. Alle haben wir versucht, sie zu besänftigen, doch es hat nichts genützt. Macht weiter so!“

Werden wir alle immer wieder von Stereotypen geleitet?

Der Vorfall mit den beiden Frauen gibt uns zu denken. Beide trugen einen Niqab und bedienten damit rein optisch den gleichen Stereotyp: den einer religiösen, äusserst konservativen Frau, die kaum offen für künstlerische Darbietungen ist. Wir diskutierten unser Erlebnis und stellten fest, wie sehr auch wir, junge Künstler und Kulturschaffende, die wir uns als weltoffen, kritisch und flexibel beschreiben würden, von unseren Stereotypen beeinflusst werden. Wir gestehen uns ein, dass wir alle beim Betreten eines Metrowaggons die Passagiere gleichsam „scannen“, um herauszufinden, wer wohl wie reagieren mag. Dass zwei Frauen, die wir aufgrund ihres Auftretens als „gleich“ einschätzten, ganz gegensätzliche Reaktionen und Einstellungen zeigten, beweist, wie hinfällig unsere „Strategie“ ist. Im Laufe dieses Projektes sollen wir noch des Öfteren überrascht werden …

Geschichten, die berühren

Bestätigt vom Zuspruch der zweiten verschleierten Frau betreten wir den nächsten Metrowaggon mit neuem Mut. Die Metro ist mittlerweile etwas leerer und wir finden weit entfernt der Geschichtenerzählerinnen Sitzplätze. Nicht noch einmal möchten wir durch Astrids blonde Haare, durch die Kamera oder die Anwesenheit einer Gruppe, die offensichtlich zu den Geschichtenerzählerinnen gehört, Aufmerksamkeit erregen. Die Stimmung in diesem Waggon ist ganz anders. Viele Frauen hören aufmerksam zu und scheinen von den Geschichten sichtlich berührt. Ein 15-jähriges Mädchen beginnt zu weinen, folgt uns in den nächsten Waggon, um die Geschichten ein weiteres Mal zu hören. Am Ende bedankt sie sich bei Mona und Sondos: „Danke, dass ihr eure Geschichten mit uns geteilt habt! Ich möchte meine Geschichte auch mit euch teilen.“ Sie winkt die beiden in eine Ecke unserer Endstation und vertraut ihnen leise ihre Geschichte an, die Sondos und Mona später als „herzzerreissend“ beschreiben.

*Teil 1 ist am 6. Januar 2013 erschienen.

Dieser Text wird am 12. April auch in Englisch aufgeschaltet.

Erläuterung „BuSSy Monologe“: „Bussy“ ist ägyptisch-arabische Umgangssprache und bedeutet „Schau mal“. „Bussy“ ist in dieser Form an eine Frau addressiert; an einen Mann würde man sich mit „buss“ wenden.

Erläuterung Niqab: Der Niqab ist ein Gesichtsschleier, der von einigen muslimischen Frauen getragen wird. Er wird in Verbindung mit einem Tschador oder einem anderen, zumeist schwarzen Gewand getragen. Je kleiner das Feld sichtbarer Haut um die Augen, desto mehr ähnelt der Niqab der Burka (Ganzkörperschleier).

Weiterführende Links:Mahatat Collective Website

Mahatat bei Facebook

Mahatat bei Twitter: @MahatatEgypt

Mahatat bei youtube

Fotografien: Die Geschichtenerzählerinnen Sondos Shabayek (rechts) und Mona El Shimi (links), photo Hamdy Reda / courtesy of Mahatat

 

Ein Gedanke zu “Gewagte Kunst: Geschichtenerzählerinnen machen die Kairoer Metro zur Bühne

  1. Der Bericht zeigt wie wichtig es ist, der ägyptischen Bevölkerung- und besonders den Frauen darunter- zu zeigen, was in einer freien, demokratischen Gesellschaft möglich ist. Indirekt bekommen sie dadurch auch die Möglichkeit, ihre eigenen Bedürfnisse und Nöte zu erspüren und zu äußern. Kunst und ihre Bedeutung für die Zivilgesellschafft ist mir heute auch in einm Artikel in der FAZ über einen Musiker in Bagdad begegnet. Das lässt Hoffnung für die arabische Welt entstehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.