Künstlerische Zwischennutzung: Von zwei weniger medienpräsenten Plätzen in Kairo – Teil 1

Dieser Beitrag wurde von Astrid Thews und Mayada Said verfasst. Die beiden Frauen leben seit mehreren Jahren in Kairo, Ägypten, und haben Anfang 2011 „Mahatat for contemporary art“ mitbegründet – eine Initiative für Kunst im öffentlichen Raum und partizipative Kunstprojekte. Hier auf www.aminachaudri.ch schildern Astrid Thews und Mayada Said Begebenheiten und porträtieren Personen, denen sie in Ägypten durch ihre Arbeit begegnet sind. Die Verfasserinnen erheben dabei keinen Anspruch auf Generalisierung, möchten sie doch vielmehr zu einem differenzierteren Bild über Ägypten beitragen. Im vorliegenden Beitrag in zwei Teilen geht es um die temporäre Verwandlung zweier Plätze in Kairo durch sehr unterschiedliche künstlerische Interventionen.

Vom Tahrir-Platz…

Der wohl bekannteste Platz Ägyptens ist der Tahrir-Platz, von dem in Europa die meisten im Zuge der Revolution des 25. Januars 2011 in den Medien gehört haben. Der Tahrir-Platz ist zentral gelegen (soweit sich das im Falle einer Megastadt mit geschätzten 25 Millionen Einwohnern sagen lässt) und ein Ort voller Symbolik. Er ist zum Schauplatz des Widerstands und Sinnbild teils blutiger Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften geworden. Oft wurde er beschrieben und noch immer taucht er in stillen und bewegten Bildern internationaler Medien auf. Auf Tage und Wochen, an denen sich hier Demonstranten versammeln und für ihre Rechte eintreten, folgen Tage und Wochen, an denen der Platz für den Autoverkehr wieder geöffnet wird und die Menschen hier grösstenteils ihren Alltagsgeschäften nachgehen oder ihn schlichtweg passieren, bis Demonstranten den Ort wieder zurückerobern und ihre Zelte aufschlagen.

… zum Lazoughli-Platz und zum Soliman-Gohar-Platz

Natürlich gibt es in Kairo unzählige weitere grosse und kleine Plätze – wenn auch von erheblich weniger grossem Medieninteresse und geringerer staatspolitischer Bedeutung. Für ihre Anwohner spielen diese Plätze im Alltag jedoch eine grosse Rolle. Um zwei solche kleinere Plätze geht es in diesem Beitrag: um den sogenannten Lazoughli-Platz und um den Soliman-Gohar-Platz.

Der Lazoughli-Platz liegt auf der östlichen Nilseite in der Nähe des Innenministeriums im Stadtteil Mounira. Einst war er vielbefahren, mehrspurig und hatte eine anonyme Ausstrahlung. Ist er heute weniger befahren, so liegt dies offenkundig an den Mauern, die immer wieder in Downtown und Mounira vom Militär oder dem Innenministerium aufgezogen werden, um selbiges oder andere öffentliche Gebäude vor Demonstranten zu schützen oder breite Strassen zu trennen, um Demonstrationen abzubrechen oder zu unterbinden.

Der Soliman-Gohar-Platz befindet sich auf der westlichen Nilseite an der gleichnamigen Strasse, die für ihren günstigen und belebten Gemüse- und Obstmarkt in ganz Kairo bekannt ist. Berüchtigt ist letzterer allerdings auch für Abfallberge, die Anwohner hier lagern, bis sie von Müllkarren abgeholt werden.

Lazoughli-Platz

Lazoughli-Platz

Soliman-Gohar-Platz

Soliman-Gohar-Platz

Der kleine Platz ist vielbefahren, einspurig jedoch, und das gesamte Viertel ist belebt und voller einkaufender Fussgänger. Es herrscht eine eher familiäre Atmosphäre. In der Mitte des Platzes ist eine kreisrunde Grünfläche und um den Platz herum sowie im gesamten Viertel gibt es viele Bäume. Oberflächlich scheinen diese beiden Plätze also nicht viel gemein zu haben. Was die beiden Orte für uns von Mahatat for contemporary art jedoch verbindet, ist, dass wir sie 2012 beide temporär zu Schauplätzen unseres ersten grossen Projektes „Shaware3na“ (zu Deutsch „unsere Strassen“) verwandelten.

Mahatat lässt sich mit „Stationen“, „Haltestellen“ oder „Stopps“ übersetzen und wir verstehen uns dem Namen nach als eine mobile Initiative für Kunst im öffentlichen Raum und künstlerische Nachbarschaftsprojekte.

11. März 2012, Station: Lazoughli-Platz

Oder aber: „Wohnzimmer unter freiem Himmel“

16:05 Uhr

Wir treffen uns alle bei Yara Mekawei im Studio. Yara ist eine Audiokünstlerin, sie filmt und ist Kuratorin des heutigen Mahatat-Events, der sich „Public Screen“ nennt. Ihre Idee ist es, auf einem Fernseher, der nicht viel grösser ist als ein normaler Wohnzimmerfernseher, verschiedenste Videokunst aus der arabischen Welt zu zeigen. Und zwar unter freiem Himmel für Passanten und Kunstinteressierte, die von der Vorführung gehört haben.

17:00 Uhr

Wir erreichen den Lazoughli-Platz und treffen dort die Techniker und unsere Sicherheitsleute. Viel haben wir uns vor Beginn von „Shaware3na“ mit der Frage der Genehmigung und der Sicherheit beschäftigt. Würden wir die offiziellen Stellen um Erlaubnis bitten, den öffentlichen Raum zu nutzen? Und wie würden wir für die Sicherheit der Künstler und unseres Teams sorgen? Aus der Grundüberzeugung heraus, dass der öffentliche Raum den Bürgern gehört und dass es ein Menschenrecht ist, sich hier frei auszudrücken, haben wir uns schliesslich gegen das Einholen von offiziellen Genehmigungen entschieden. Um es den Künstlern zu ermöglichen, sich auf ihren Auftritt zu konzentrieren, haben wir ein kleines Sicherheits- und Kommunikations-Team von zwei bis vier Männern angeheuert. Heute am Lazoughli-Platz kümmern sie sich um die Verhandlungen mit einem Café-Besitzer, „dessen“ Bürgersteig wir nutzen möchten. Die Nutzung des öffenlichen Raumes in Ägypten funktioniert sehr informell. Besagter Café-Besitzer ist seit Jahren hier und nutzt diesen Bürgersteig. Er hat hier Stühle und Tische aufgebaut und die Bäume am Strassenrand mit bunten Lichterketten geschmückt. Er kümmert sich um dieses Stück öffentlichen Raum, er hat Verantwortung übernommen und damit in unseren Augen auch mehr Rechte an diesem Fleckchen als irgendeine staatliche Institution. Von diesem Café-Besitzer bekommen wir also heute die Erlaubnis, die Ecke, welche der Platz mit seinem Bürgersteig bildet, zu nutzen. Er ist es auch, von dem wir Strom bekommen, und ein paar Stühle, Tische und Getränke.

Café am Lazoughli-Platz

Café am Lazoughli-Platz

 

 

 

 

 

 

 

 

17:15 Uhr

Yara und die Techniker bauen den Bildschirm auf und überprüfen, ob der Computer sich verbinden lässt und die Filme laufen. Wir haben das Gerät am Gehsteig aufgebaut und Platz für Zuschauer und Vorbeilaufende gelassen. So bereiten wir den Rand des Platzes vor, stören aber keineswegs den Autoverkehr.

17:30 Uhr

Nachdem die Generalprobe der Filme gut abgelaufen ist, haben wir alle nochmal Zeit für einen Kaffee oder Saft und warten gemeinsam auf den Einbruch der Dunkelheit. Der Mime Amr Abd Elaziz, der mit uns in der Metro aufgetreten ist, ist mittlerweile auch eingetroffen und beginnt sein Gesicht zu schminken, während wir die Getränke zu uns nehmen. Wir hatten Amr gebeten, doch kostümiert noch etwas Werbung für die Vorstellung zu machen und er sagte zu. Hin und wieder schauen Leute auf den schwarzen Bildschirm. Die meisten aber gehen weiter.

18:05 Uhr

Eine Stunde vor Beginn der Videokunstausstrahlung macht sich Amr an die Arbeit. Mit Flyern in den Händen begibt er sich direkt auf die Strasse und beginnt den Verkehr zu regeln. Autos halten neugierig an, um zu erfahren, was da passiert. Amr hält den Fahrenden stumm lächelnd einen Flyer entgegen.

Nach und nach treffen mehr und mehr bekannte und unbekannte Gesichter ein und begeben sich in Richtung Bildschirm. Die meisten nehmen auf dem Zaun, der den Gehsteig von der an die Strasse angrenzenden Grünfläche teilt, Platz. Wir bitten den Café-Besitzer, noch weitere Stühle und Tische zu bringen und versprechen, Getränke zu bestellen. Der Gehsteig füllt sich weiter und die Stühle reichen nicht. Einige Neugierige nehmen auf dem Boden Platz. Dicht an den Bildschirm traut sich niemand.

Nach einer knappen Stunde versucht sich Amr daran, Fussgänger zum Bildschirm zu lotsen. Schliesslich holt er die sichtlich aufgeregte Yara ab, um mit ihr die Ausstrahlung zu eröffnen.

19:13 Uhr

Yara begrüsst das Publikum und Amr nimmt in der ersten Reihe vor dem Publikum Platz. Die Vorführung beginnt. Während die verschieden Clips bereits laufen, unterhalten wir uns an den Rändern des Gehsteigs mit Passanten, die Fragen haben und wissen wollen, was hier vor sich geht. Auch eine Gruppe von Verkehrspolizisten hat sich an den Zaun gewagt und schaut, was sich auf dem Bildschirm tut. Hin und wieder betonen wir, dass wir Videokunst zeigen und keine Dokumentation der 18 Tage der Revolution. Yara springt auch ein und erklärt am Rande der Vorstellung in Einzelgesprächen, was sie zeigt und wie sie Videokunst sieht.

Wir sind erstaunt, dass tatsächlich etwa vierzig Zuschauer die ganze Vorstellung über bleiben, hatten wir doch vielmehr mit einer Fluktuation gerechnet und mit Passanten, die vorbeikommen, stehen bleiben, verweilen, Fragen stellen und weiterziehen. Passanten halten zwar tatsächlich auch an, jedoch in Distanz zum Bildschirm und mit sichtlicher Sorge, die sitzenden Zuschauer stören zu können. Von Weitem sehen sie nicht besonders gut, stellen dennoch Fragen und machen sich dann wieder auf den Weg. Beinahe kommt es uns so vor, als seien wir zu sehr in den Raum eingedrungen und hätten unseren eigenen geschaffen, der fast intim wirkt durch die sitzenden und stehenden Zuschauer. Auch wenn wir mit zahlreichen Menschen sprechen, so gelingt es uns nicht, sie an dem Raum, den wir geschaffen haben, lange teilhaben zu lassen. Durch unsere Kurzsicht und das, was nicht planbar ist im öffentlichen Raum, haben wir eine zweistündige Blase im Freien geschaffen. Oder aber das Wohnzimmer, das sich Yara von Anfang an vorgestellt hatte.

21:17 Uhr

Nach dem letzten Clip löst sich die Traube auf, wir bauen den Bildschirm ab und bezahlen unsere Rechnung im Café.

 

Ausblick auf Teil 2: Soliman-Gohar-Platz

Am Soliman-Gohar-Platz wollten wir uns mehr auf Kunst mit und für die Nachbarschaft konzentrieren, um diesmal keine Blase zu schaffen, sondern vielmehr gemeinsam etwas zu kreieren. Wie wir den Platz dabei temporär verändert haben und ob es uns tatsächlich gelungen ist, gemeinsam mit der Nachbarschaft den Platz zu gestalten, lesen und sehen Sie in Teil 2 dieses Beitrags.

 

* Der erste Blogbeitrag von Astrid Thews und Mayada Said ist am 6. Januar 2013 erschienen.

* Der zweite Blogbeitrag von Astrid Thews und Mayada Said ist am 7. April 2013 erschienen.

 

Dieser Text wird zu einem späteren Zeitpunkt auch in Englisch aufgeschaltet.

Weiterführende Links:

Mahatat Collective Website

Mahatat bei Facebook

Mahatat bei Twitter: @MahatatEgypt

Mahatat bei youtube

Fotografien: Fotos, die den Lazoughli-Platz betreffen, sind von Mina Nasr, courtesy of Mahatat, dasjenige Foto vom Soliman-Gohar-Platz ist von Timo (Medhat Amin), courtesy of Mahatat.

 

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