Künstlerische Zwischennutzung von zwei weniger medienpräsenten Plätzen in Kairo (Teil 2)

Dieser Beitrag wurde von Astrid Thews verfasst. Sie lebt seit mehreren Jahren in Kairo, Ägypten, und hat Anfang 2011 gemeinsam mit Mayada Said und drei weiteren Frauen „Mahatat for contemporary art“ mitbegründet – eine Initiative für Kunst im öffentlichen Raum und partizipative Kunstprojekte. Hier auf www.aminachaudri.ch schildern Mayada Said und Astrid Thews seit Januar 2013 Begebenheiten und porträtieren Personen, denen sie in Ägypten durch ihre Arbeit begegnet sind. Die Verfasserinnen erheben dabei keinen Anspruch auf Generalisierung, möchten sie doch vielmehr zu einem differenzierteren Bild über Ägypten beitragen. Trotz aktuellem Medieninteresse an der momentanen Lage in Ägypten, geht es im vorliegenden Beitrag in zwei Teilen um die temporäre Verwandlung zweier Plätze in Kairo im Jahr 2012 durch sehr unterschiedliche künstlerische Interventionen. Dem Beitrag möchte die Autorin aber voranstellen, dass Mahatat auch dieses Jahr Kunstprojekte auf die Beine stellt und weitere für das kommende Jahr konzipiert. Natürlich gibt es immer wieder plötzliche Planänderungen sowie kurzfristige Terminverschiebungen und Ortswechsel aufgrund der aktuellen Geschehnisse, doch das Leben und ein angepasster Alltag gehen weiter.

Rückblick auf Teil 1: Videokunst am Lazoughli-Platz

Im ersten Teil dieses Beitrags erzählten wir vom Lazoughli-Platz nahe des ägyptischen Innenministeriums, an dem wir auf einem Bildschirm von der Kuratorin Yara Mekawei ausgewählte Videokunst ausstrahlten. Wir schilderten, wie wir und unsere Gäste den Raum verwandelten und wie wir unbeabsichtigt für zwei Stunden eine Wohnzimmeratmosphäre schafften, in die sich Passanten kaum wagten.

Natur in der Stadt

Drei Monate später wollten wir mit Mahatat am Soliman-Gohar-Platz auf der anderen Nilseite keine Blase kreieren, sondern vielmehr mit der Nachbarschaft gemeinsam den kleinen Platz verwandeln. Der Soliman-Gohar-Platz befindet sich auf der westlichen Nilseite an der gleichnamigen Strasse, die für ihren günstigen und belebten Gemüse- und Obstmarkt in ganz Kairo bekannt ist. Berüchtigt ist er für die Abfallberge, die Anwohner hier lagern, bis sie von Müllkarren abgeholt werden. Natürlich gibt es unzählige Plätze dieser Art in Kairo und Giza – wieso entschieden wir uns ausgerechnet für diesen? Zum einen befindet sich der Platz in unmittelbarer Nähe des Mahatatbüros und es lag für uns daher nahe, unser erstes Nachbarschaftsprojekt in unserer eigenen Nachbarschaft zu verwirklichen. Zum anderen ist der kleine Platz zwar einspurig, aber vielbefahren, und das gesamte Viertel ist belebt und voller einkaufender Fussgänger. Es herrscht eine familiäre Atmosphäre. In der Mitte des Platzes ist eine kreisrunde Grünfläche und um den Platz herum sowie im gesamten Viertel gibt es viele Bäume. Das Leben, die Belebtheit und die Natur, die sich hier selbst inmitten der Stadt zeigt, waren der zweite ausschlaggebende Grund für unsere Wahl, denn es sollte in diesem Projekt um Bäume gehen.

Soliman-Gohar-Platz

Soliman-Gohar-Platz

Die Anwohner, ihre Kinder und ihre Bäume

Amr Abd Elaziz, der die Ausstellung an diesem Platz kuratiert, machte sich zu einer kleinen Feldforschung auf und interviewte Leute in der Nachbarschaft zum Thema Bäume. Er stellte fest, dass das Interesse an Bäumen sehr gross war. Daraufhin begann die dänische Video-Künstlerin Nanna Guldhammer, die für dieses Projekt einen Workshop für Kinder anbot, einige Wochen auf und um den Soliman-Gohar-Platz zu verbringen. Nanna trank Tee mit zahllosen Menschen und hörte ihren Geschichten zu. In diesen Wochen lernte sie auch den Mann kennen, der die meisten Bäume in der Nachbarschaft gepflanzt hat. Stolz führte er Nanna zu den verschiedensten Pflanzen und erzählte ihr, wann er welche gesetzt hatte. Mit einigen Kindern der Nachbarschaft erstellten Nanna, Noha Hesham, Eslam Hamed, Dina Fahmy und Mustafa Nagah während zweier Wochen diverse Pappmaché-Gegenstände und mit Kartoffeldruck bestempelte Textilien, die am Festival-Tag rund um den Platz aufgehängt werden sollten.

9. Juni 2012, Soliman-Gohar-Platz

Einige Tage vor der Veranstaltung hatten der Graffiti- und Mural-Künstler Mohamed Khaled und sein Team die Wand eines Hauses bemalt. Der Hausbesitzer hatte sich damit einverstanden erklärt, sein Eigentum mit einer bunten Zeichnung zu einer Geschichte verzieren zu lassen. Somit war die Bühne bereit, damit am Abend Geschichtenerzähler ihre Geschichten vor der bemalten Hauswand mit den Anwohnern teilen können.

10:30 Uhr

Soliman-Gohar-Platz

Soliman-Gohar-Platz

Nanna hatte im Vorfeld die Arten der Bäume auf dem Platz bestimmt und einen Kalligraphen gebeten, deren Namen auf Stoffstücke zu schreiben. Heute, am Festival-Tag, bindet sie die beschrifteten Stoffe um die jeweiligen Bäume.

13:05 Uhr

Wir beginnen damit, alle im Workshop erstellten Gegenstände auf den Soliman-Gohar-Platz zu tragen und zu sortieren. Schon bald ziehen wir ein knappes Dutzend neugieriger Helfer an, die mit uns die Pappmaché-Luftballons, die bemalten und beklebten Plastikflaschen und die Stoffstücke an langen Drähten zwischen den Bäumen in der Mitte und den Strassenlaternen am Rande des Platzes aufhängen.

16:30 Uhr

Irgendjemand hat einige Baumsetzlinge herbeigeschafft. Ein anderer Anwohner organisiert einen Spaten und Wasser und helfende Hände pflanzen die Bäumchen hier auf dem Platz.

Soliman-Gohar-Platz

Soliman-Gohar-Platz

18:00 Uhr

Wir haben uns ein wenig verspätet, doch bauen wir nun mit einem Tontechniker die Lautsprecher vor der Wandbemalung auf. Wenig später nehmen Nagla Kora und Ahmed Adel vor dieser Platz und beginnen, die von Mona El Masry verfasste Geschichte „Baum der Geliebten“ zu erzählen. Schnell hat der hallende Ton eine Traube von Kindern und Erwachsenen angezogen.

Mahatat: Kunst für alle

Mahatat: Kunst für Bürger

Und dann passiert, womit niemand mehr gerechnet hatte: Die Stadtviertelverwaltung trifft ein und nähert sich mit einem grossen Fahrzeug den Geschichtenerzählern. Zur Irritation aller machen sich drei gesandte Techniker an die kaputte Laterne neben dem Publikum. Auch wenn das Timing unglücklich ist, freuen sich Anwohner, dass ihr Platz auch von dieser Seite endlich wieder beleuchtet ist. Die Geschichtenerzähler beenden ihre Fabel schliesslich unter Applaus der jungen und der etwas älteren Gäste.

19:00 Uhr

Mein persönliches Highlight dieser Verwandlung des Soliman-Gohar-Platzes leuchtet kurz nach Beendung der Erzählung auf. Wochen zuvor hatte Amr mit einem Hausbesitzer am Platz vereinbart, den offenen Hauseingang für eine kleine Ausstellung nutzen zu können. Durch den Rundbogen gelangt man direkt in einen offenen Eingang, in dem links Pastellkreidezeichnungen von Amr Okacha hängen und rechts Fotografien von Timo. Nur ein Scheinwerfer sorgt für Dämmerlicht. Der zwölfjährige Eslam, der in der Nachbarschaft wohnt, führt mich spontan durch die Ausstellung. „Hier sieht man, wie der Baum gepflanzt wird und wächst, und hier wie er verarbeitet wird“, beschreibt er und deutet dabei auf Amr Okachas Zeichnungen. Dann zieht er mich zur anderen Seite und sagt: „Schau, auf diesen Fotos ist alles irgendwie aus Baum: aus Holz, aus Blättern, aus Blüten.“

Mahatat: Kunst für alle

Mahatat: Kunst für Bürger

20:10 Uhr

Barbara Usai und Mahmoud Eman rufen uns aus dem Eingangsbereich des Hauses zurück auf den Platz. Gemeinsam mit den Kindern möchten sie Luftballons steigen lassen – mit Grüssen vom Soliman-Gohar-Platz, geschrieben auf Postkarten, die Bäume aus der Nachbarschaft und die Pappmaché-Gebilde zeigen. Einige Grüsse schaffen es nur bis in die Baumkronen, andere steigen langsam in den Abend.

Soliman-Gohar-Platz

Grüsse vom Soliman-Gohar-Platz

21:00 Uhr

Lassen wir den mühevoll kreierten Pappmaché Elefant auf der Mitte des Platzes? Ja, denn hier gehört er hin, findet Nanna – wenn er zerlegt, zerstört oder geklaut wird, dann ist das so. Er gehört nicht uns, sondern dem Platz.

Mahatat: Kunst für alle

Mahatat: Kunst für Bürger

 

Im nächsten Beitrag werde ich mich an zwei Sprüngen versuchen: einem Zeitsprung in das Jahr 2013 und einen Ortssprung ins Delta. Denn seit Ende 2012 arbeitet Mahatat intensiv ausserhalb Kairos und wir haben viele faszinierende Menschen kennengelernt und erzählenswerte Erlebnisse gehabt.

* Der erste Blogbeitrag von Astrid Thews und Mayada Said ist am 6. Januar 2013 erschienen.

* Der zweite Blogbeitrag von Astrid Thews und Mayada Said ist am 7. April 2013 erschienen.

Dieser Text wird zu einem späteren Zeitpunkt auch in Englisch aufgeschaltet.

 

Weiterführende Links:

 

Mahatat Collective Website

Mahatat bei Facebook

Mahatat bei Twitter: @MahatatEgypt

Mahatat bei youtube

Fotografien: Fotos von Timographya (Medhad Amin)

 

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